Del Cavador

Buchempfehlung?

09. Januar 2017:

 

„So lernen Pferde“ – Viviane Theby
Müller Rüschlikon – ISBN 978-3-275-01804-8 aus dem Jahr 2011

coverpferde

Ich gebe zu: lange habe ich keine Pferdebücher mehr gelesen. Sie haben mich irgendwie total gelangweilt, meinetwegen auch übersättigt. Die meisten versprechen sensationellen Inhalt mit reißerischen Titeln und letztendlich kann ich nicht so wirklich viel Information daraus ziehen. Also habe ich mich auf die Lektüre von Thrillern und blutigen Serienkiller-Bücher versteift. Vielleicht hatte ich auch einfach eine schlechte Auswahl. Man weiß es nicht. Jedenfalls ist mir neulich wieder einmal ein Pferdebuch untergekommen. Mit dem wenig reißerischen Titel: „So lernen Pferde“. Das ist doch mal was Grundsätzliches. Klingt gut.

Und mal was Grundsätzliches zu Lesen ist nie verkehrt. Nachdem ich gelegentlich gefragt werde, was ich für Pferdebücher empfehlen kann, schreibe ich jetzt einfach mal darüber wenn mir eines unter kommt. Schließlich mussten wir in der Schule auch die allseits beliebten „Inhaltsangaben“ schreiben. Und die Bücher waren nicht immer so prickelnd … ich erinnere mich mit Grausen an das lustig-freche „Beim nächsten Mann wird alles anders!“ in dem mir übrigens nur noch der Doppelname: Frau Lamar-Schadler hängen blieb … während meine Schwester in der selben Klasse den „Tuareg“ lesen durfte. Da lernt man wenigstens, wie man mit einem Kamel in der Wüste überleben kann. Ist nicht appetitlich, auch nicht wirklich vegan, schon gar nicht für das Kamel, aber es hat sich mir eingeprägt. Aber ich schweife ab.

Viviane Theby ist Tierärztin für Verhaltenstherapie. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Tieren und weiß inzwischen wie Tiere lernen (www.tierakademie.de). Von ihr gibt es im Internet übrigens auch ein paar sehr informative Klicker-Videos. In dem Buch geht es um Lerntheorie. Klingt ziemlich trocken, aber letztendlich ist es das gar nicht. Es geht darum, wie man mit Prinzipien der Lerntheorie Verhalten ändern kann. Frei nach dem Motto: „Gewalt beginnt dort, wo Wissen endet.“ (Albert Einstein)

Wenn man versteht, wie Pferde lernen, dann braucht man sich nicht mehr nach irgendwelchen Trainer-Gurus richten. Man sucht sich einfach die guten Ideen zusammen, kombiniert sie mit dem Wissen über Lernen und *pling* funktioniert es auch mit dem eigenen Pferd. Also zumindest theoretisch. Aber es schadet nicht, mal über die ganzen Methoden nachzudenken, die einem so offeriert/praktiziert werden, und ob sie so überhaupt (für einen selbst) Sinn machen. Also das berühmte über den Tellerrand schauen.

Man sollte sich immer vor Augen führen: In erster Linie ist das Pferd ein Fluchttier. Es wird immer vor einer potentiellen Gefahr flüchten und sich dann aus sicherer Entfernung alles ansehen. Sofern die Gefahr es nicht gefressen hat. Zweitens: Das Pferd ist ein Gruppentier. Mehrere Augen sehen mehr. Und eine Pferdegruppe funktioniert durch Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Art Freundschaft. Jeder respektiert den anderen. Das ist doch schon mal eine schöne Idee. Konflikte werden nicht immer offen ausgetragen, oft geht das Pferd einfach weg (oder fügt sich … dem Ranghöheren oder dem Menschen). Der Mensch ist ein Jäger. Das Pferd ist ein Beutetier. Also sollte der Jäger Mensch ruhig mal über sein Verhalten nachdenken und sich überlegen, was macht ein Fluchttier in der Situation?

Lernen funktioniert über das Gesetz der Wirkung: Ein Verhalten, das sich lohnt, wird künftig häufiger gezeigt. Ein Verhalten, das sich nicht lohnt, wird weniger häufig gezeigt. (Edward Lee Thorndike). In dem Buch kann man nachlesen, wie operantes und klassisches Konditionieren funktioniert, was Verstärker und Strafe ist. Was Habituation (Gewöhnung) und Sensibilisierung sind und welche Bereiche im Gehirn bzw. im Nervensystem für was zuständig sind.

Frau Theby beschreibt mit vielen schönen Beispielen wie man bestimmtes Verhalten erlernen kann und was Pferde motiviert hält. Sind wir doch mal ehrlich, vieles, was unsere Pferde gelernt haben mussten sie über „Druck“ erlernen. Sprich: Du machst das nicht, dann gibts eins auf die Ömme. Das so Erlernte funktioniert natürlich auch, aber das Pferd lernt dabei auch eine Art Kadavergehorsam und verliert vielleicht auch den Spaß an der Mitarbeit. Stichwort „erlernte Hilflosigkeit“. Meine Idealvorstellung von einer Pferdebeziehung ist eine Art Partnerschaft, in der jeder mal gute und schlechte Momente haben darf. Gut, ich bleibe der Chef, weil ich entscheide ja wann ich mit dem Pferd etwas unternehme, aber ich möchte auch, dass meine Ponys freudig und gespannt mitarbeiten. Ihr wisst was ich meine…

Die Begriffe Kommando und Signal werden in dem Buch schön erklärt. Ein Kommando kommt nicht umsonst aus dem militärischen Sprachduktus. Wenn man es nicht befolgt, gibts hinterher Ärger. Das Gegenteil wäre das Signal. Hier wird erst ein Verhalten trainiert und belohnt/positiv Verstärkt, dann erst wird das Signal eingeführt. Das Signal bleibt immer gleich. Wenn man es nicht befolgt, hat man einfach seine Chance vertan. Wenn man ein Kommando nicht befolgt, gibt es Druck. Beispiel aus dem Thriller-Bereich: „Halt! Oder ich schieße!“ … bleibt man da nicht stehen, liegt man eben erschossen am Boden. Blutend. Und im schlechtesten Fall mit starren Augen.

Das Buch endet mit einem anschaulichen Praxisteil der Pferdebesitzern mit Pferden, die in ihren Grundmanieren noch … sagen wir es höflich … arbeiten müssen … Hilfestellung bietet. Hier werden grundlegende Dinge wie Halfter anziehen, Stehen bleiben und Putzen lassen in kleinen Schritten beschrieben und wie ich ein Pferd ohne Druck dazu bringe das zu lernen.

Insgesamt hat mich das Buch gut gepackt. Es erklärt Begriffe, die man gerne einfach so benutzt, ohne mal genauer dahinter zu sehen. Es beschreibt Lernverhalten, Lerntheorie und führt einen so automatisch ans Nachdenken und Überdenken. Und man fängt an seine Ziele in kleine Häppchen zu zerteilen. In kleinen Schritten zum Erfolg, dann hat man mehr davon 🙂

Von daher kann ich das Buch uneingeschränkt weiterempfehlen!

 

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