Del Cavador

Verantwortung?

14. Februar 2017:

Lasst uns heute mal über Verantwortung reden. Dazu gibt es keinen konkreten Anlass, aber zwischendurch ploppt dieses Wort als eine Art Kontroll-Gedankengang in meinem Gehirn auf. Und zwar in dem Sinne: Werde ich der Verantwortung meinen Pferden gegenüber gerecht?

Die größte Sorge in meinem damals jungen Leben vor den eigenen Ponys war der Gedanke: Kann ich einem Pferd gegenüber die Verantwortung tragen? Es ist ein Lebewesen, für das ich jetzt sorgen muss. Es spricht nicht mit mir. Es kann sich nicht artikulieren. Es ist mir ausgeliefert. Und das über einen längeren Zeitraum. Ungefähr 30 Jahre lang. Das ist schon was. Mein Problem war nicht die Frage was für eine Rasse, welche Farbe, welches Geschlecht mein zukünftiges Pferd haben soll. Das waren Nebensachen und haben sich spontan ergeben. Der Wunsch war nur: muss Jung sein und nicht zu groß werden. Im Prinzip bin ich da sehr spontan an den eigentlichen Kauf meines ersten Pferdes ran gegangen, nachdem die Nebensächlichkeiten wie Stall und Kostensicherung gedeckt waren.

Vorher spielten ganz viele Faktoren mit – kann ich mein Pferd über Jahrzehnte finanzieren? Kann ich dafür sorgen, dass es immer genug zu essen, einen Schlafplatz und ein finanzielles Polster hat? Was ist, wenn es krank wird? Bin ich in meinem Job gefestigt, und kann das alles stemmen? Habe ich genügend Zeit? Was ist, wenn es unreitbar wird? Was ist, wenn ich krank werde? Meine Zeit vor dem ersten eigenen Pferd war also geprägt von Zweifeln und eher technischen Überlegungen. Wobei ich schon damals Tendenzen zum Zweitpferd hatte. Meine größte Angst war tatsächlich die Verpflichtung, für ein Tier zu sorgen. Ganz banale Dinge wie Essen, Schlafen, Gesundheit. Diese Angst konnte ich jetzt in knapp 16 Jahren eigenes Pferd beherrschen. Aber damit ist es ja noch nicht getan.

Unser erster Winter - Jacinto 2002 - Foto: privat
Unser erster Winter – Jacinto 2002 – Foto: privat (und glaube ich sogar nur eingescannt)

Verantwortung bedeutet auch, für so ein Lebewesen nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu sorgen. Dieser Angst stelle ich mich jetzt ebenfalls seit fast 16 Jahren. Geht es meinem Pferd gut? Verlange ich zu viel von ihm? Verlange ich zu wenig? Stimmen unsere Ziele überein? Ein erfülltes Reiter-Pferd-Duo bekommt man nur, wenn beide erkennen, was sie möchten.

Wobei das ja beim Pferd immer eher spekuliert Interpretation ist. Es spricht ja nicht, also mit Worten. Beispiel: Jacinto, gekauft als mein farblich ansprechendes Geländepony, welches unerschrocken im Trail mit größter Gelassenheit glänzt und mich im vierten Gang unerschütterlich durch die Gegend schaukelt. Realität: Jacinto ist in seiner Jugend der größte Angsthase vor dem Herrn gewesen, fluchtbereit, bedienerunfreundlich, ständig unverstanden. In seinen Augen natürlich. Auch heute flüchtet er lieber und bebt und zittert, als cool zu sein. Und klar trennbare Gänge … muah!

Der Punkt, an dem ich erkennen musste, dass ich mich in meinen Wünschen verkalkuliert habe und die unbedingt korrigieren musste war der Trail an unserem ersten Turnier. Jacinto erstarrte direkt nach dem Einreiten vor einem unschuldigem Plastik-Reiher, der als Dekor vor dem ersten Hindernis, einer brav daliegenden Plastikfolie, stand. Ab dem Moment kreiste in seinem Gehirn ein großes Panik-Vakuum und mir war schlagartig klar: DAS wird nicht dein Trail-Pony!
Also habe ich mich mit Jacinto auf das fokussiert, was er gut kann: schön ausgedehnt ausreiten. Wir sind viel durch die Gegend gestreift, viel Galoppiert (auch wenn wir es Trainingstechnisch nicht durften … aber er galoppiert einfach so gerne) – alleine unterwegs mit ihm war nie ein Problem. Der Zwerg versinkt in seine Gedankenwelt und läuft und läuft.

Jacinto und ich in Zehntbechhofen 2009 - Foto: privat
Jacinto und ich in Zehntbechhofen 2009 – Foto: privat. Das waren auch immer sehr schöne O-Ritte dort! Jacinto starrt wahrscheinlich gerade auf ein gruseliges Trail-Hindernis …

Über die Jahre, ohne Druck, nur einfach durch mal probieren ohne Hintergedanken, sind wir jetzt so weit, dass Jacinto tatsächlich in einem Trail nicht mehr an einem Herzinfarkt stirbt, sondern überraschender Weise sogar meistens sehr gechillt mitmacht. Aber einen Turnier-Trail sind wir seit dem nicht mehr gestartet.
Was ich sagen möchte ist: Verantwortung bedeutet für mich auch die „Bestimmung“ für sein Pferd zu finden und es nicht zwanghaft in irgend eine Form zu pressen, in die es überhaupt nicht hinein passt. Ehrlich sein zu sich selber, und zu den Fähigkeiten des Pferdes. Daran wächst man.

Pony Nummer zwei war dann endlich das Trailpony, welches ich mir immer gewünscht hatte. Frau Sumpf. Ein Pony mit sehr starkem Charakter und auch mit einem Wunsch nach viel exklusiver Aufmerksamkeit für sie alleine. Frau Sumpf steht gerne im Mittelpunkt und braucht viel Huldigung, dann blüht sie richtig auf. So kam es also, das ich zwei zeitintensive Pferdecharaktere hatte, die mir viel abverlangt haben. Jacinto, der gerne ausgedehnt Ausreitzeit hat und viel regelmäßiges Training braucht und Diosa, die nicht so gerne viel läuft, aber gerne viel im Mittelpunkt steht. Ich sag schon mal so viel: man tut sich echt schwer mit mehr als zwei Pferden und einem Vollzeit-Job, allem gerecht zu werden. Und bei mir waren es ja nicht nur zwei Pferde, der Trend ging ja ganz schnell zum Drittpferd. Davon reden wir mal jetzt lieber gar nicht. Also hatte ich ein derbes Verantwortungs-Problem. Jemand für Diosa musste her. Das Pony braucht mehr Aufmerksamkeit, als ich es bieten kann.
Verantwortung bedeutet nämlich in meinen Augen auch, wenn Du deinem Pferd nicht gerecht wirst, dann überleg Dir gefälligst eine Lösung. Wenn es gar nicht passt, sorge dafür, dass Du es an eine Person vermittelst, mit der es funktioniert. Mach was. Wobei es sich auch durchaus lohnt die eigene Vorstellung an die Realität anzupassen und sich zusammen zu raufen. Eine echte Partnerschaft/Freundschaft funktioniert ja auch erst dann, wenn man durch Höhen und Tiefen gegangen ist und nicht gleich beim ersten Anflug von Streit weg ist. Und das baut man nicht in ein paar Wochen auf.
Also habe ich mir eine Reitbeteiligung gesucht. Ich glaube aber Diosas Geschichte ist einen eigenen Blog-Bericht wert …

Jedenfalls möchte ich sagen: Verantwortung ist ganz wichtig und ich höre oder lese so oft Geschichten, in denen ich mir denke: Hast Du Dir überlegt, was Du da machst? Was tust Du Deinem „Partner“ Pferd damit an? Herr schmeiß Hirn vom Himmel! (Ehrlich gesagt ist der korrekte Gedankengang: „Alter! Echt jetzt?????“ Gepaart mit Augenrollen und Augenbrauen hoch ziehen. Bis zum Anschlag. Ich meine damit so Geschichten wie: ich hab grad 200 Mark übrig und ziehe los, kaufe mir ein Rettungspferd (weil kost ja nix und ich hab ja nix und gerettet ist es auch noch), dann peppel ich es auf. Was schwierig wird, weil die 200 Mark waren schon zusammen geliehen und müssen zurück gezahlt werden. Dann muss man sich mit Hausmitteln helfen, weil so ein Tierarzt ja echtes Geld will, anstatt einen mit offenen Armen zu empfangen. Wer braucht schon Wurmkur oder Impfung? Alles Lügenpresse! Entwurmen kann man auch mit Karotten und einem Liter Olivenöl und Impfungen werden überbewertet, sind ja alle anderen drumrum geimpft.

Da passiert schon nix. Dann passt das Equipment nicht. Sattel ist ja egal, wichtig ist die große Schibbi-Schabbi-Sammlung in verschiedenen Beeren- und Erd-Tönen. Dann springt/läuft/töltet der Gaul nicht, und dann verliert sich das Interesse an dem Pferd schlagartig weil (neuer Freund/keineZeit/keinGeld/*freieinsetzbareswort*) und dann wird Pferd wenn es Glück hat weiter verramscht und landet letztendlich vielleicht doch beim Schlachter oder mit 24 Stunden-Haft in einer fensterlosen Box. Tja. Oder so ähnlich. In so einer Geschichte gefangen zu sein, davor hätte ich echt Angst. Vor allem vor den Schibbi-Schabbis und dem Olivenöleinlauf. Ja das Olivenöl muss von hinten rein. Lauwarm. Aber gut, wer meint, dass sei seine Art von Verantwortung – ich möchte das nicht verurteilen – manchen gibt der Herr einfach weniger. Für mich wäre es nichts.

Mal ernsthaft, ich glaube ich habe mein Verantwortungsproblem im Griff. Vielleicht bin ich sogar manchmal zu pienzig. Aber auch da bin ich lockerer geworden. Ich kann meine Pferde selbst finanzieren. Die Ponys wohnen in meinen Augen in einer artgerechten Haltungsform. Sie können frei über Essen und Bewegung entscheiden. Ich muss mir keine Gedanken machen, wenn ich es einen Tag lang wegen der Arbeit nicht zum Stall schaffe. Sie sind trotzdem gut unterhalten und haben sich bewegt. Ich kann mir selbst nicht vorwerfen, dass ich nicht hart an meiner Einstellung und an meinem „Nutzungswunsch“ für alle meine Ponys gearbeitet habe. Auch ihre Psyche dürfte nicht allzu angeknackst sein. Und so habe ich mir das auch vorgestellt. Läuft also bei mir!

Ich möchte damit niemanden verurteilen, der seine Pferde anders hält, oder eine andere Meinung hat, aber es lohnt sich zwischendurch mal inne zu halten, einen Schritt neben sich zu stellen und sich zu überlegen und kritisch zu bewerten: Ist das noch gut, was ich da mache? Das wollte ich einfach mal in die Welt hinaus posaunt haben 🙂 Zwischendurch einfach mal über die eigenen Ziele nachdenken und die mit der Realität in Einklang bringen. Und auch mal überlegen, was wirklich gut für das Pferd ist (oder ob das, was man macht nur bequem für einen selber ist).

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