Del Cavador

Alte kaputte Pferde?

Februar 2020:

So langsam muss ich mir Gedanken machen über „alte“ Pferde. Meine Pferdeplanung verlief ehrlich gesagt nicht wirklich geschickt. Anstatt drei unterschiedlich alter Pferde habe ich drei Pferde, die zusammen nur zwei Jahre auseinander sind. Also super geplant. Aber rechnen war bekannter Weise noch nie meine Stärke.

Damit kommen ungewohnte „Probleme“ für mich in Sicht. Nachdem ich schon gerne aktiv unterwegs bin mit den Ponys, stellt sich mir die Frage: „Was mache ich, wenn die jetzt alle drei Invaliden sind?“ – Gut momentan stellt sich die Frage bei den Stuten nicht. Im Gegenteil, Diosa ist so fit wie selten zuvor und das Drachi muss dieses Jahr erstmals als „Nachwuchspony“ mitkommen. Ob sie will oder nicht. 

Dafür hat sich Jacinto sukzessive ins Aus geschossen. Seit längerer Zeit beobachte ich eine Verschlechterung im Gangbild, die sich jetzt im Winter ganz akut noch einmal verschlechtert hat. Also Fokus-Suche. Was sich beim Pferd nicht wirklich als einfach erweist. Schließlich können die nicht sprechen. Was manchmal echt gut wäre … Man vermutet also munter vor sich hin. Hat er einen schlechten Tag? Ist ihm das Wetter zu naßkalt? Braucht er Wärme? Sind die Eisen falsch? Hat er sich verletzt? Ist das Training ungenügend? Hat er einen Tritt abbekommen? Hat er Schmerzen? Wenn ja, wie viel? Er spielt doch mit den Jungspunden – hat er tatsächlich was? Wieso lahmt er auf einer Seite mehr? Hat er jetzt was? Was hat er nur? Also Tierärztin angerufen. Die rückt mit dem mobilen Röntgengerät an und begutachtet den Zwerg komplett. Vom Gangbild her muss es aus Richtung Knie kommen. Gut. Frauchen hat wieder was gelernt, weil sie das weiter unten vermutet hätte. Drum holt man sich Rat vom Fachmann. Also Knie Röntgen, was gar nicht so einfach ist, weil man da nicht so gut hinkommt. 

Das Knie beim Pferd ist übrigens nicht da, wo man es vermutet, sondern ein Stockwerk weiter oben. Das Pferd läuft nämlich auf seinen Zehenspitzen. Nur noch mal so zum wiederholen. Also muss man in der Nähe von bei Wallachen und Hengsten sehr empfindlichen Zonen hantieren, was die wiederum nicht so wirklich prickelnd finden. Also ambulantes Röntgen ist Glücksspiel. Wir bekommen ein relativ gut sichtbares Röntgenbild. Erste Vermutung: Knochenzysten im Tibiakopf. Klingt blöd, ist blöd, die Stelle ist auch blöd. Wenn das so wäre und die Zysten würden einbrechen: Exitus. Eine hübsche Diagnose am Tag vor dem Eisbärenritt. Meine Tierärztin empfiehlt die genauere Abklärung mit Röntgen unter Sedierung (weil die Pferde dann einfach stiller halten und aussagekräftige Bilder entstehen) und eine Klinik, die sich auf Pferde-Knie spezialisiert haben und auch ein CT-Szintigramm für Pferde haben. Also wurde ein Termin dort ausgemacht. 

Damit geht natürlich das Kopfkino los. Was ist, wenn es diese Diagnose tatsächlich ist? Ein 19jähriges Pferd operiert man nicht leichtfertig, wenn es dann vielleicht über ein halbes Jahr braucht, um wieder „auf die Beine“ zu kommen. Wenn ja, ist es dann schmerzfrei? Wann schafft man den Absprung? Wann quält man sein Tier? Meine Gedankenspirale dreht sich komplett nach oben. Mir war im Prinzip schon völlig klar, dass ich Jacinto in diese Klinik fahre und dann kommt irgend eine sehr dramatische Diagnose heraus, und ich muss die Entscheidung zum Einschläfern treffen. Hatte ich schon miterlebt, das braucht niemand und prägt leider auch. Also ich bin auf das Äußerste gefasst. 

Der Termin in der Klinik ist an dem einzigen Tag in der Woche, in dem das Wetter mit Sturmböen und überfallartigen Schnee/Graupel-Regen imponiert. Super. Also dort die 220 km hin gegurkt. Dank meinen beiden Psycho-Begleitungen war es eine sehr kurzweilige Fahrt – und ich bin froh, das ich Euch dabei hatte! Wir wurden auch fachlich sehr kompetent behandelt. Horsemanship-Technisch ist dort allerdings noch Luft nach oben möglich. Manche Betriebe stecken gedankentechnisch noch in der Pferdesteinzeit fest. 

Jacinto bekommt Besuch von seinem Kumpel Diego – Foto: privat

Jacinto bekam noch mal das ganze Programm Lahmheitsuntersuchung, teilweise Abspritzen (fand er nicht wirklich prickelnd), ausführliches Röntgen in Sedierung. Dabei konnte die Diagnose Knochenzyste dankbarer Weise nicht bestätigt werden. Dafür hat sich die Diagnose „Avulsion/dystrophische Mineralisation Kreuzband“ herauskristallisiert. Was deutlich besser ist, als erwartet. Das bedeutet im Prinzip: das Kreuzband ist „angerissen“ und muss wieder „festwachsen“. Das tut es meistens von ganz alleine, wenn das Pony still hält, keine unbedachten Bewegungen macht, vor allem keine Drehbewegungen und nicht irgendwie mit den Beinen wegrutscht. Stufen steigen ist auch nicht gut. Es bedeutet Boxenruhe für mindestens drei Monate. Bewegen im Schritt ist möglich. Für ein Offenstallpferd, welches sehr mit seinen Kumpels tobt und spielt etwas schwierig. Aber besser als alle anderen Diagnosen, die ich mir in meinen Gedanken so ausgemalt habe. 

Also haben wir Jacinto wieder eingepackt und sind nach Hause gefahren. Weitere Untersuchungen bleiben mir und meinem Geldbeutel erst mal erspart. Ich bin übrigens sehr stolz wie souverän Jacinto Hänger fährt und wie brav er im Umgang ist. Die Basics sind echt wichtig. Das kann man immer wieder beobachten, wenn man anderer Leute Pferde zusieht, wie sie sich in der Klinik aufführen. Wobei ich es Jacinto nicht übel nehme, wie er sich gegen die Abspritzung gewehrt hat. Das war nämlich in nicht Bösartig, nur abwehrend. 

Frauchen freut sich, dass wir wieder mit Pony heim fahren können! – Foto: privat

Jetzt wohnt der Zwerg in Sichtweite zu seiner Herde in einer sehr geräumigen Doppelbox mit kleinem Paddock, von dem aus er seine Kumpels sieht und welches genau im Weg zum Putzplatz steht, so dass alle seine Freunde an ihm vorbei laufen müssen. Ab und an bekommt er Besuch von seinen Kumpels, die stehen dann im Nachbar-Paddock und er hat die Möglichkeit zum Fellkraulen oder Rumschnüffeln. Direkter Kontakt zur Herde geht leider nicht, weil da wäre eine Stufe dazwischen. Die Möglichkeit finde ich gelungener wie eine 3×4 m Boxe ohne Sonnenlicht. Es dauert vielleicht etwas länger, aber Jacinto kann sich die Beine wenigstens ein bisschen vertreten und bekommt hoffentlich keinen Lagerkoller. Schauen wir mal, wie lange das gut geht. Und ich hoffe es bringt was. Vielleicht bleibt mir Jacinto als Reitpferd erhalten und ich kann noch viele Jahre mit ihm durchs Gelände streifen.

Armer Zwerg in Einzelhaft – Foto: privat

Auf jeden Fall muss ich aber weiter überlegen, was ist, wenn alle meine Pferde alt sind. Weil sie einfach so abschieben kann ich sie nicht. Dafür waren sie mir zu treu. Es ist auf jeden Fall der erste Schritt in einen neuen Pferde-Lebens-Abschnitt, der mich reiterlich gesehen deutlich einschränkt, aber auf jeden Fall eine neue Erfahrung wird. Meine Wunsch wäre aber trotzdem ein unerwarteter Geldsegen, der mir ermöglicht ein Nachwuchspferd zu erwerben UND alle meine Halb-und-Teilzeitrentner zu behalten. Aber wer bekommt schon was er sich wünscht?

Was sind Eure Erfahrungen mit Rentner-Pferden?

Hat jemand von Euch schon mal ein Pony mit „Kreuzbandanriss“ gehabt?

Und wenn ja, was sind Eure Erfahrungen und Behandlungen gewesen?

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