Del Cavador

Optimierte Gespräche?

Kaffee Karma

22. März 2019:

Unterwegs auf Deutschlands Autobahnen – Foto: Yvi Privat


Nennt mich bekloppt, aber so langsam fange ich an mich mit „optimierten“ Gesprächen* anzufreunden. Das sind Gespräche, deren Ende/Ergebnis so verläuft, wie ich das gerne möchte. Man führt sie deshalb mit sich selber. Laut. Damit die betroffene Person auch den Spiegel vorgehalten bekommt und für das nächste Mal hoffentlich dazu gelernt hat. Das eröffnet tolle neue Möglichkeiten!

Wir sind mit den Ponys unterwegs und stehen am Rastplatz. Schnell aufs Klo und dann noch ab in die Schlange vor dem Kaffee-Verkauf. Vor mir wird groß eingekauft. Oder besser gesagt, zum Leidwesen der ganzen Schlange: nicht, weil die Person vor mir sich nicht entscheiden kann.  

Die Verkäuferin guckt bereits endgenervt und hat das Angebot schon zweimal vorgelesen. 

„Entschuldigen Sie, aber meine Ponys warten draußen im Pferdehänger darauf dass wir weiterfahren können und sind etwas unruhig. Deshalb wäre ich hoch erfreut, wenn Sie Sich entscheiden könnten, was für einen Kaffee Sie nehmen wollen. So würden wir alle hier Zeit sparen. Soll ich Ihnen behilflich sein?“

Die Frau dreht sich mit Adlerblick um. Ich versuche ein gewinnendes Lächeln. 

„Wissen Sie, Sie können einfach noch mal kurz überlegen, oder Sie nehmen einfach den Double-Schokolade-Waffel-Milchschaum-Zimt-Haselnuss-Latte mit extra Sirup.“ 

Zur Verkäuferin gewandt führe ich mein Gespräch fluffig weiter „Das ist doch der Teuerste, den Sie verkaufen oder? Das wäre eine Win-Win-Situation für Ihren Laden oder?“  

Ich zwinkere ihr verschwörerisch zu. Sie schaut mich genervt an. 

Ich plappere weiter:

„Vielleicht könnten Sie mir in der Zwischenzeit schon mal einen ganz einfachen schwarzen Kaffee in so einen Pappbecher to To füllen? Geht ja auch ganz schnell.“ 

Und zwinkere ihr zu, dabei wende ich mich wieder der bestell-unfreudigen Kundin zu. 

„Man hat es ja auch nicht leicht. Steht ganz vorne in der Schlange und merkt nicht, wie genervt die anderen Menschen hinter einem sind. Man hat ja schließlich keine Augen hinten.“ 

Dazu nicke ich verständnisvoll. 

Weil die Frau wie versteinert da steht und mich anstarrt verstelle ich die Stimme und antworte für sie.

„Oh entschuldigen Sie bitte! Wir möchten doch keine Kaffee-Eskalation hier haben. So ein Mord geschieht ja so schnell! Und gerade Menschen ohne ausreichend Koffein im Blut sind so schnell reizbar. Gehen Sie doch bitte vor junge Frau, ich sehe doch, dass Sie so eine Süchtige sind, die zu aggressiven Ausfällen neigt. Ich überlege einfach noch. Dafür lade ich Sie auch zur Entschädigung ein!“

Ich verstelle meine Stimme wieder zurück.

„Wirklich!? Das ist ja total nett von Ihnen!!! Gute Frau, sie retten meinen Tag! Vielen Dank für Ihr Verständnis! Sie haben gerade richtig Karma-Punkte gesammelt!“

Mit verstellter Stimme antworte ich mir erneut selber. Hinter mir in der Schlange wird gekichert. 

„Gerne Geschehen! Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag!“

und schummle mich dabei in der Reihe nach vorne, um den bereits eingefüllten, verlockend duftenden schwarzen Kaffee entgegen zu nehmen und dann schnell weg zu sein. 

Die Frau starrt mir nach. 

Auf dem Weg nach Draußen bleibe ich dann seltsamerweise äußerst ungeschickt an der Drehtür hängen. Dramatisch flutscht der Deckel vom To Go-Becher weg, trillert ein paar Runden in der Luft und der Kaffee geht gut sichtbar verschütt. Auf meinen frischen Pullover – unter anderem. Ich verbrenne mir die Finger und fange laut und deftig an zu Fluchen. Hinter mir höre ich ein schrilles, giftiges Lachen. Die Frau, die sich nicht entscheiden konnte, schwebt mit ihrem koffeinhaltigen Milchschaum-Heißgetränk an mir vorbei und sagt gehässig: 

„Da haben Sie Ihre Karma-Punkte! Sie Idiotin!“

In meinem Kopf höre ich dazu ein imaginäres Schlagzeug: Padabusch!!!! 

Und höre dazu meine innere Stimme: „Super! Vielleicht solltest Du das Konzept mit den optimierten Gesprächen noch mal überdenken.“

Am Pferdehänger angekommen fragt mich Yvi wieso ich keinen Kaffee habe, aber danach rieche. Ich gucke sie nur böse an und sage: „Karma-Punkte Yvi! Ich habe Karma-Punkte gesammelt und sie gleich wieder verloren!“

Den nächsten Kaffee lasse ich lieber wieder Yvi holen. Aber ohne vorheriges optimiertes Gespräch… Sie bringt beim nächsten Stopp tatsächlich welchen mit und wirft mir zusätzlich eine Packung Schnaps-Pralinen in den Schoß: „Damit Du Dich ein bisschen abregst!“

Ich liebe Autobahnfahrten.  

Danke Marc-Uwe!

*Also ehrlich gesagt erst, seitdem mich Marc-Uwe Kling mit seiner Geschichte „Wackeldackel und Winke-Katze“ (aus den „Känguru-Apokryphen“) darauf gebracht hat. Man sollte viel mehr Känguru in seinen Alltag implementieren!

Alkoholtest?


5. März 2019:

Die Yuppie-Karre auf nem dunklen Parkplatz – Foto: Privat


Letztes Wochenende. Kathrin und ich kommen vom kleinen Abendschoppen zurück gefahren. Auf einmal steht ein neongelber Mensch auf der dunklen Straße und fuchtelt aggressiv winkend mit einer Kelle vor mir herum. Ich bin erst irritiert, erkenne dann aber: Ah! Polizei. Eine Kontrolle. 

Ich lasse die Scheibe runter und frage: „Was geht denn hier vor sich?“ 

„Guten Abend, Polizeikontrolle. Halten Sie hier und machen Sie das Fahrzeug aus!“

„Genau hier?“

„Ja, Fahrzeug aus. Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“ er guckt streng.

„Ok, Moment bitte, ich bin schon lange nicht mehr kontrolliert worden. Das macht mich etwas nervös.“ 

„Hmhm.“ Prüfender Blick mit Taschenlampe ins Fahrzeuginnere während ich in meiner Handtasche herum krusche. 

„Haben sie einen nicht abgelaufenen Verbandskasten und ein Warndreieck?“

Ich strahle ihn an und sage: „Natürlich!“ 

„Würden Sie mir den zeigen?“

„Na, da haben Sie aber Glück, dass das ganze Pferdefutter nicht mehr im Kofferraum ist, sonst wäre es etwas schwer geworden da ran zu kommen. Sie haben hoffentlich keine Pferdehaar-Allergie?“

Er guckt komisch. Wir steigen aus und ich gehe an den Kofferraum. 

„Gucken Sie mal, der geht sogar von alleine auf! Toll oder?“

Er antwortet nicht. Der Kofferraum geht piepsend auf. 

„Ah – hier, mein Warndreieck. Es ist sogar noch eingeschweißt. Sehr vorbildlich oder?“

„Danke, sehr gut.“

„Wollen Sie auch meinen erste Hilfe Kasten sehen? Der muss hier irgendwo sein, den habe ich neu seit dem letzten TÜV.“

„Nein geht schon, das sieht hier sehr gut aus.“

„Na kommen Sie, wenn ich schon kontrolliert werde, dann möchte ich auch korrekt kontrolliert werden! Ich such ihn eben!“

„Nein, lassen Sie mal – alles gut!“ Ich krame weiter und frage: „„Möchten Sie meinen Führerschein auch sehen?“

„Den haben Sie mir gerade gegeben.“

„Echt? Kann ich ihn wieder haben?“

„Gleich. Haben Sie etwas getrunken?“

Ich überlege kurz, ob ich Lügen soll. Ich habe nämlich einen Faible für nette Männer in Uniform. Andererseits habe ich auch einen Faible für Männer in Uniform, die dann „böse“ werden, aber das wäre hier wohl unangebracht. 

„Ja. Ein 0,1 Glas Rotwein. Bürgerspital. Jahrgang 2015. Ein Caberne Sauvignon, im Barrique gereift, feinste Aromen von grünem Paprika und Tabak, pfeffrig, würzig im Abgang. Sehr interessante Geschmackskonstellation.“

Kathrin nickt.

Er schaut uns mit so einem komischen Blick an. 

„Würden Sie bitte mitkommen für einen Alkoholtest?“

Kathrin fragt: „Darf ich auch mitkommen? Ich wollte auch schon immer mal Pusten!“

Ich frage: „Wenn ich mich widersetze, werden Sie dann Böse?“

Er seufzt. Ich glaube ein Augen-Rollen wahrgenommen zu haben. Wir wackeln ihm hinterher.

„Hier, Ihr Mundstück.“ Er reicht mir ein in Plastik eingeschweißtes Ding. 

„Packen Sie mal aus und stecken Sie das hier rein.“ Er hält mir den Alkomat vor die Nase. 

„Wie? Ich muss das selber auspacken? Wo bleibt denn da der Service?“

„Machen Sie bitte einfach…“ ich füge mich. 

Ich puste. Das Gerät piepst und neugierig linse ich aufs Display.

„0 Promille??? Das kann doch gar nicht sein! Ihr Gerät ist kaputt!“

Er guckt mich wieder so komisch an. 

„Darf ich nochmal? Da müsste doch zumindest ein bisschen was sichtbar sein! Wir wollen das doch ordnungsgemäß testen! Es geht hier schließlich um die Verkehrssicherheit.“

„Nein, sie dürfen nicht mehr. Das ist gut so.“

„Aber es ist NULL!“ Ich stampfe mit dem Fuß auf. 

Kathrin mischt sich ein: „Darf ich jetzt auch mal?“ 

Er stöhnt. „Sie müssen aber das selbe Mundstück verwenden.“ Kathrin pustet auch. 

„Auch Null?! So geht das doch nicht. Ist dieses Gerät ordnungsgemäß geeicht worden? Haben Sie das kontrolliert? Wann war es zuletzt beim TÜV? Haben Sie einen Beleg bei sich? Wir fühlen uns hier nicht ordentlich überwacht! Und was ist mit dem Plastikmüll hier? Darf ich das Ihnen zurück geben?“

„Nein, das schenke ich Ihnen.“

„Das ist aber nicht sehr Umweltfreundlich. Haben Sie mal an die Wasserschildkröten im Meer gedacht? Diese ganzen Videos  auf Facebook, wo diese armen Tiere sich aus dem Plastik nicht mehr befreien können. Ganz Schlimm. Dieser ganze Verpackungswahnsinn. Nachhaltig geht anders. Und alles wegen NULL Promille. So geht das doch nicht! Da muss es doch eine andere Lösung geben!“

Er seufzt. 

„Sie sind hier fertig, steigen Sie bitte in ihr Fahrzeug und fahren sie weiter!“

„Sie wollten doch, dass wir anhalten!“

„Fahren Sie bitte weiter!“

„Aber jetzt warten Sie doch mal! Wir sind überhaupt nicht ordentlich kontrolliert worden. Nicht mal meinen Verbandskasten wollten Sie sehen! Ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen.“

Er guckt schon wieder so komisch. Er bugsiert mich zum Auto.

„FAHREN SIE JETZT!“

„Nein! Ich möchte nicht! Sie haben uns nicht nach Drogen durchsucht!“

„FAHREN. SIE. JETZT.“

Verdammt, der versteht aber gar keinen Spaß. Da trifft man schon mal andere Menschen außerhalb des Pferdestalles und dann wollen die sich nicht unterhalten. Ich starte einen letzten Versuch. 

„Warum kontrollieren Sie heute überhaupt?“

„Wir haben Fasching.“

„Echt? Ach ja, da war was … sind Sie morgen auch wieder hier?“

„Das darf ich Ihnen nicht sagen. Fahren Sie jetzt. Bitte.“

„Also gut. Dann kommen wir morgen noch mal vorbei, wenn das für Sie ok ist? Ich hab da noch einige Fragen zum Thema Verkehrssicherheit! Und mögen Sie kleine Snacks? Und vielleicht Kaffee?“

„Gute Fahrt!“

Wir sitzen wieder im Auto. „Mensch, der war aber sehr kurz angebunden, oder Kathrin? Ich kann gar nicht verstehen, warum der uns so schnell wieder los werden wollte.“ 

Am nächsten Abend war leider keine Verkehrskontrolle mehr. Wir sind den ganzen Abend herum gefahren und niemand hat uns angehalten. Dabei hatten wir uns so gut vorbereitet: Desinfektionsspray, selbstgebastelte Papp-Puste-Röhrchen und einen ganzen Notiz-Zettel Straßenverkehrsfragen extra für ihn aufgeschrieben. Die Sandwiches und den Kaffee haben wir dann einfach selber verputz. Es wird einem auch gar kein Spaß mehr gegönnt!


Auf die Palme?

17. Juni 2017:

Ich versuche ja eigentlich mich nicht mehr so viel Aufzuregen. In meinem Alter bekommt man gerne Blutdruck- oder Herzprobleme und es ist wirklich absolut unnötig, dass ich mit einem Notarzt und einem Rettungswagen zusammentreffen muss. Der Notarzt möchte das am Allerwenigsten. Glaubt mir. Denn das würde in etwa wie folgt ablaufen:

Ich: „Ich brauche keinen Arzt! Ich kenne Sie doch gar nicht!“
Notarzt: „XXX mein Name, darf ich jetzt Ihren Blutdruck messen?“
Ich: „Haben Sie einen Lebenslauf oder eine aussagekräftige Vita dabei? Was sind Sie überhaupt für ein Arzt?“
Notarzt seufzt: „Frau Griebel, Ihr Blutdruck. Ihre Lippen sind schon ganz blau.“
Ich schaue streng.
Der Notarzt seufzt. „Anästhesist, ich bin Anästhesist, seit 1994.“

Sanitäter mischt sich ein: „Bisschen Sauerstoff vielleicht?“
Ich: „Nur bei pathologischen O2-Werten, damit man das auch gegenüber der Krankenkasse abrechnen kann … Sie haben mir noch kein Blut abgenommen! So geht das nicht!“
Notarzt: „Frau Griebel, sie wollten zuerst meinen Lebenslauf sehen. Sie müssen sich schon entscheiden!“
Ich: „Blut gibts eh nur aus meinem linken Arm. Und nur ein Versuch beim Stechen. Sonst sind Sie raus! Sind Sie sich sicher, dass Sie sich das zutrauen?“
Notarzt: „Also sowas! Ich fahr jetzt seit 30 Jahren Notdienst, aber so was ist mir auch noch nicht unter gekommen.“
Ich rufe: „Aha! Sie sind schlecht vorbereitet!“
Notarzt schaut mich lange an und seufzt dann. Er raunt hinter vorgehaltener Hand zum Sanitäter: „Wir warten einfach bis sie keine Luft mehr bekommt und knallen ihr dann einfach was zur „Beruhigung“ rein.“ Beruhigung setzt er dabei in so in die Luft gezogene Doppelstriche nach oben.

Er lächelt mich an.
Ich: „Ich habe das gehört! Unter Sedierung wird das mit mir auch nicht besser, glauben Sie mir.“
Notarzt verdreht die Augen. Sucht seinen Lebenslauf und drückt ihn mir in die Hand.
Ich: „Da sind Rechtschreibfehler drin. So können Sie den nicht abgeben.“
Notarzt: „Ich will den auch nirgends abgeben, ich bin seit zwanzig Jahren im selben Krankenhaus beschäftigt! Was glauben Sie denn???“
Ich: „Mir wird schwindelig.“
Notarzt: „Na hoffentlich kippen Sie bald ….. äh … NICHT … um. Ich meine: NICHT umkippen.“

Er wischt sich Schweiß aus der Stirn und kruschelt in seinem Koffer herum.
Ich: „Bevor Sie ein Medikament aufziehen und mir verabreichen wollen muss ich das Haltbarkeitsdatum auf der Ampulle prüfen. Das ist Ihnen doch klar oder?“
Er schaut mich lange an.
Ich: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“
Wir starren uns erneut an.
Der Sanitäter kichert.

Ich: „Wenn ich schon abgeschossen werden soll, haben Sie dann wenigstens was hübsch Berauschendes dabei?“
Notarzt: „Frau Griebel, jetzt übertreiben Sie es aber.“
Ich: „Naja, man kann es ja mal versuchen. Und überhaupt, wollten Sie nicht die ganze Zeit schon meinen Blutdruck messen??“

Der Notarzt dreht sich um und knallt seinen Kopf gegen die Tür des Rettungswagens und gibt dabei wimmernde Geräusche von sich. Ich weiß auch nicht was er hat.

Dann überwältigt mich der Sanitäter und ich bekomme was zur „Beruhigung“ gespritzt. Natürlich ohne die Ampulle vorher kontrollieren zu können … ähm …. aber lassen wir das.

 

Bild vom ursprünglichem Stallbau – ich glaube es war Karfreitag 2011 – ungefähr 30° heiß und wir haben Platten verlegt bis wir rotgebrannt waren – Foto: privat

 

Heißhungerattacken?

14. Mai 2017:

Heute müssen wir uns über gesunde Ernährung unterhalten. Sie wird immer dann dringend(er) notwendig, wenn die schlimme Zeit der Enthüllungen gekommen ist. Sprich: SOMMER – diese schlimme Jahreszeit, in der man kurzärmlig durchs Leben gehen muss um nicht zu erschwitzen. Diese schlimme Jahreszeit, in der man statt in seinen Jackentaschen hübsch geordnet alle wichtigen Dinge dabei hat, wieder seinen Krempel nicht findet oder überall herumliegen lässt. Diese schlimme Jahreszeit in der es notwendig wird Haut zu zeigen und die dann auch noch braun wird. Und die Jahreszeit, in der Komplexe und vermeintliche Figurprobleme wieder gut sichtbar für alle sind. Wobei ich sagen muss, mein Kadaver hat sich eigentlich ganz gut gehalten – ich bin nicht unzufrieden mit meinem Körper. Immerhin hat er schon ein paar harte Winter auf dem Buckel, da brauch er nicht mehr so unbenutzt aussehen. Ich fände es aber schon ganz nett, meinen Hintern wieder in ein paar Jeans rein zu bekommen, in denen ich momentan nicht wirklich atmen kann. Sauerstoffmangel lässt sich halt doch auf Dauer nicht kaschieren und blaue Lippen waren nie so mein Ding. Also ist ein bisschen „in Shape“ kommen angesagt.
Blöd nur, wenn einem immer diese garstigen Heißhungerattacken in den Plan grätschen und alles zunichte machen. Kennt Ihr das? Was tun bei fiesen Hungerattacken? Ich habe da ein paar Strategien entwickelt ….

Erst mal ein Glas Wasser oder Tee trinken. Vielleicht ist es gar kein Hunger, sondern nur Appetit. Dann hat der Magen erst mal zu tun. Oder irgendwelche Rezeptoren werden erst mal von der Flüssigkeit geblendet – so wie die Scheibenwasserwischanlage in meinem Auto auch Ruhe gibt, wenn man sie auf einem bestimmten Pegel hält.

Blöd ist nur, wenn das auch nichts hilft. Dann tigert man durch die Wohnung und vernichtet ALLES was man zwischen die Zähne bekommt. Gefährlich. Gerade Abends. Gerade bei mir. Strategie: Erst mal alle ungesunden Sachen auf einmal wegfressen. Packt Euch einen Haufen mit allen Euren versteckten Sachen. Jedes Geheimversteck für Chips und Schokolade leer räumen. Und jetzt erzählt mir nicht, es gäbe in Eurer Wohnung keine Geheimverstecke und Reserve-Reserve-Verstecke für Naschzeug. Und jetzt stellt Euch vor: Alles aufs Bett gepackt, mitten rein gesetzt und ALLES aufgerissen und durcheinander gefressen, stellt Euch vor wie widerlich (und doch irgendwie geil) das ist. Wie die Schokolade verschmiert, Ihr in einem Kreis von Chipskrümeln sitzt und sie Euch überall piksen. Alles klebt und ist ekelig, Euer Bauch ist voll und gebläht, Ihr könntet kotzen, Ihr fühlt Euch nur schlecht …. habt Ihr dieses Gefühl? Gut. Reißt Euch zusammen, zieht es durch, kauft einfach keine „bösen“ Sachen mehr – räubert Eure Verstecke langsam aus und ersetzt die Sachen durch gesundes Naschen. Oder deponiert in Sichtweite „gesunde“ essbare Dinge. Wenn nix Ungesundes im Haus ist, esst Ihr auch nichts Ungesundes. Ist ungefähr so wie der Satz: Bedenke wo Du hingehst. Da bist Du dann auch.

Verbrennt die Nummer vom Pizza-Lieferanten, lasst Euch vom China-Imbiss keine Mails mehr schicken, löscht alle Liefer-Apps, kündigt das Amazon-Dauerliefer-Abo für Kartoffelchips. Zieht in eine verruchte Gegend, in der Euch kein Lieferservice Nachts etwas vorbei bringt, weil zu gefährlich. Umfahrt die „goldenen M“s großzügig. Gebt keinen visuellen Triggern die Chance. Lasst stattdessen Youtube-Videos laufen mit so reißerischen Titeln wie: „Abdominalplastik nach Fettlappenschürze – meine OP live und ungeschnitten“ – „Meine Fettgeschichte – wildes Gestochere mit dem Fettabsauger“ oder „Missglückte Magenband-OP – in bunt und blutig“. Seid kreativ, je ekliger, desto besser.

Finger beschäftigt oder dreckig halten ist auch immer gut bei Fressattacken. Mit dreckigen Fingern geht man nicht an den Mund (also ich zumindest nicht). Also Mut zu nächtlichen Putzaktionen. Geht in Nachbars Garten und grabt ihm den Boden um. Egal ob da grade frisch was angelegt ist oder nicht. Nehmt dabei nur Eure Finger. Mistet Eure Ponys aus – nur mit den Fingern. Wechselt das Öl am Auto – oder schmiert einmal mit den Händen durch den kompletten Motorraum. Wer in eine verruchte Gegend gezogen ist und Nachts verbrechensbedingt nicht mehr raus kann: Fangt das Stricken oder Häkeln an. Das Maschen zählen ist auch eine super Ablenkung gegen Hunger.
Was auch toll funktioniert: Nägel lackieren. Mit frisch lackierten Nägeln ist man komplett unfähig etwas anzufassen oder sich groß zu bewegen, weil sobald man sich bewegt: ZACK! Hat man eine Delle im Lack. Und das nervt so sehr! Also tobt Euch Nageltechnisch voll aus – mehrere Schichten – bis die alle Kratzerfrei getrocknet sind ist Euere Heißhungerattacke wie von Zauberhand verschwunden. Vielleicht könnt Ihr ja auch mit schön lösungsmittelhaltigen Nagellackentfernern arbeiten, das macht Euch dann auch noch ein bisschen high.

Was kann man noch tun? Man könnte jemanden bitten einen bewußtlos zu schlagen. Dann übersteht Ihr die Heißhungerattacke auch gut. Aber das zieht immer so unschöne Prellungen im Gesicht mit sich. Die Geschichte mit dem „ich hab mich k.o. schlagen lassen wegen Hunger“ glaubt einem eh keiner. Am Ende wird der Partner noch verhaftet wegen häuslicher Gewalt oder Entführung. Gut, so ein Abend in einer Polizeiwache hilft bestimmt auch gegen Heißhungerattacken, kann aber doch recht teuer werden. Und die Nachbarn reden dann wieder so böse über einen (außer in der verruchten Gegend, da feiern sie vielleicht). Alternativ ist es vielleicht doch besser, sich mit Freunden zu treffen und sich durch Gespräche ablenken zu lassen. Ihr solltet aber dabei nicht unbedingt Alkohol oder Cocktails trinken gehen. Das könnte wieder nach hinten losgehen und wieder in die Spirale „Polizei“, „Gewahrsam“, „Trunkenheit am Steuer“, „Krankenhaus zur Ausnüchterung“ führen. Und dann steht früh morgens ein Typ vor Eurem Krankenhausbett und erzählt Euch was über vernünftigen Umgang mit Alkohol und Ihr denkt Euch nur: „ALTER!!!! What??? Früh um Sieben???? Wo ist der Kaffee?“. Tja.

Schreiben hilft auch bei Heißhunger. Finger auf der Tastatur – Kopf abgelenkt. Aber bitte nur „gesunde“ Sachen schreiben, ansonsten könnte die Spirale so aussehen: Eine Trulla in Pferd 2.0 postet ein Schibi-Schabbi-Bild, ein Hufbearbeitungsbild, ein Wie-sie-reitet-Bild, ein „Aufschrei!“-Bild oder irgendwas von Frau Prüüüma. Man denkt sich: „Och schreib ich mal was drunter“. Das Ganze verselbständigt sich dann, weil irgendwer wieder was nicht (richtig) gelesen hat, jemand unbedingt was von sich erzählen muss, was da nicht hinpasst und hirnrissig ist, oder wer hat was nicht verstanden und Ironie und Sarkasmus nur bei 10% aller Internetnutzer funktioniert und Schwupps hat man einen Shitstorm vom Feinsten entfesselt. Damit ist man dann auch beschäftigt. Vor allem mit Aufregen. Das verbraucht dann wiederum Kalorien. Und irgendwann passt man dann auch wieder in seine Jeans.

PS: Man könnte aber auch „einfach“ seine Ernährung umstellen. Weniger Zucker, weniger Weißmehl, Fertiggerichte vermeiden. Mehr Grünzeug und öfters mal einen grünen Smoothie statt einem süßen Plunderteilchen. Dann sind die Hungerattacken auch nicht so derbe. Ernährung – Ein sehr interessantes Thema. Und damit meine ich nicht nur Pferdefutter – sondern auch Menschenfutter. 🙂

Muffins mit Augen, Foto: privat

Die drei Sätze?

28. Februar 2017:

Die drei Sätze

Ich muss mich heute aufregen. Es geht um drei Sätze. Totschlag-Sätze. Sie ersticken alles im Keim. Außer meiner Wut. Seid Ihr bereit? 🙂

Satz Nummer eins: „Das war schon immer so.“ – hmhm… soso … und das heißt dann automatisch, dass es besser ist? Anscheinend. Veränderung scheint schlecht zu sein. Entwicklung auch. Und bloß nix in Frage stellen. Auf gar keinen Fall. Oder am Ende noch hinterfragen? Da könnte ja eine andere Meinung raus kommen. Oder noch schlimmer: Ein besseres Ergebnis. Neee, das geht nicht. „Das war schon immer so.“ Drum stehen Pferde heute noch in Ständern. Drum laufen Leute heute noch mit Leggings und schlechten Dauerwellen rum. Drum gibt es Fax statt Internet. Drum heißt Raider heute Twix. Ok, das war ein schlechtes Beispiel, schmeckt immer noch gut. „Das war schon immer so“ blockiert alles. Im Keim. Von Anfang an. Ohne wenn und aber. Bloß nix verändern … – da kommen wir zu

Satz Nummer zwei: „Früher war alles Besser.“ Klar. Am Arsch war alles Besser. Es ist psychologisch erwiesen, dass Menschen ab einem gewissen Alter mehr Erinnerungen an ihre Vergangenheit speichern, als an die noch verbliebende Zeit. Autobiographische Gedächtnisforschung ist das Stichwort. Das renommierte Birnbaum-Institut hat dazu eine Statistik erstellt. Menschen verklären ihre Erinnerungen an die Vergangenheit. Fehler, schlechte Erinnerungen, Schmerz, negative Erlebnisse werden nach und nach weichgezeichnet, oder sogar vergessen. Am Schlimmsten sind die jungen Erwachsenenjahre, da erlebt man alles zum ersten Mal ziemlich intensiv. Deshalb bleibt es auch verklärt in der Erinnerung hängen. Professor Bernhard B. Birnbaum weiß wovon er spricht.
Früher war alles besser zählt also nicht. Es ist weichgefiltert und weichgespült. Und hat Null mit Realität zu tun. Und bei weichgespült bin ich schon bei

Satz Nummer drei: „Kaffee draußen nur im Kännchen.“ What? Was sind das überhaupt für Kännchen? In diese sogenannten Kännchen bekommt man gerade zwei Tassen rein. Und zwar von der Sorte Tasse, in die eh nix rein geht. Diese kleinen Tässchen, in denen der Kaffee schon kalt wird, wenn er nur eingegossen wird. Sprich er schmeckt eh wie kalte Katzen-Pisse mit einer Prise Asche drin. Und die Henkel klemmen immer die Finger ein. Wieso draußen nur Kännchen? Seid Ihr zu Faul einfach einen großen Becher hin zu stellen? Oder wer hat überhaupt dieses Kännchen-Gedöns erfunden? Stellt einfach ordentliche Becher hin und große Thermoskannen, damit das Zeug auch warm bleibt! Wer fängt schon wegen drei Schluck das Kaffeetrinken an? Pfff…. am Ende ist das die Fraktion, die früher alles besser fand und außerdem war das schon immer so!

Jetzt mal ernsthaft. Ich habe keine Lust mehr auf Menschen, die alles schlecht reden. Menschen die immer nur von früher reden. Menschen die immer nur an anderen herumkritteln. Ich bin jetzt über vierzig und möchte mich mit meinen verbleibenden guten Jahren nicht mehr mit irgend welcher Kacke von „Früher“ beschäftigen. Ich möchte jeden Tag als einen guten Tag erleben. Es gibt genug Dinge, die ich noch erleben möchte. Ich will, dass in meinem Fokus die guten Dinge stehen, die jeden einzelnen Tag neu passieren. Die kleinen Momente, die viel Spaß machen. Ich möchte meinen Fokus auf kommende Dinge richten, die ich vielleicht noch gar nicht abschätzen kann, weil sie so großartig und unerwartet auf mich zukommen. Ich möchte nicht gefangen sein in einer Welt aus Vergangenheit und Draußen gibts Kännchen.

Das heißt nicht, dass ich mich nicht an „früher“ erinnern darf. Das mache ich auch gerne, aber ich staune eher, was in der Zwischenzeit passiert ist. Ich bin eher erschrocken, wie viel Zeit seit dem schon vergangen ist, und was in dieser Zeit alles passiert ist. Ich möchte versuchen jeden Tag eine gute Version von mir abzugeben. Und das kann ich nicht, wenn ich in der Vergangenheit gefangen bin. Das kann ich erst, wenn ich der Zukunft gestatte mein Leben zu bereichern. Das kann ich auch erst, wenn ich mich nicht mehr mit dem Mist von anderen Leuten beschäftige, der mich sowieso gar nichts angeht.

Ich will auch nicht hören: „Boah, schon wieder Montag/Arbeit/*freieinseztbareswort* – ich möchte gerne jedem neuen Tag eine Chance geben. Und wenn ich früh morgens aufstehe und mir sage: „Boah, was für ein Scheiß, schon wieder Montag, ich muss auf Arbeit gehen…..bläh….“ dann wird das auch nix. Im Kopf fängt die positive Stimmung an. Ich stehe vielleicht auch früh auf und hab keinen Bock auf die Arbeit zu gehen, aber dann denke ich mir: „Och jo, auf Arbeit gibts Kaffee“ Das ist doch schon mal was. Vielleicht bringt wer war zu Essen mit, dann ist es noch mal gut. Und während ich zufrieden an meinem warmen Schreibtisch (oder sonst wo) sitze höre ich mir das Gejammer von Anderen an und denke mir: „Lustig, total lustig, mit was für einem Zeug ihr euch blockiert, anstatt dem Tag eine Chance zu geben!“

Und es funktioniert (auch bei mir nicht immer), aber wenn man einfach unbelastet und NUR mit der Suche nach positiven Dingen durch seinen Tag geht (und wenn sie auch noch so klein sind), dann wird der Tag gut. Ich arbeite jedenfalls daran. Ich will nur noch gute Tage haben. Und dazu darf man sich gerne auch Bilder aus seinem alten Fotoalbum ansehen von schönen Erlebnissen. Und dabei darf man träumen und überlegen, was man noch alles tolles Erleben möchte. Und dann muss man es einfach in Angriff nehmen. Einfach mal Sachen als gegeben nehmen und ANNEHMEN und nicht als unüberwindbare Grenze sehen, sondern als Herausforderung. Oder als Sprungbrett. Es passieren nämlich ziemlich viele gute Dinge, wenn man sie einfach passieren lässt und sich darauf einlässt. Garantiert.

Resi Richtige Richtung?
Vorwärts schauen ist die Devise – klappt zwar nicht immer, aber immer besser! – Foto: Yvi Tschischka

Hausarbeit?

27. August 2016:

Es ist wieder Zeit für eine Geschichte. Direkt aus dem Leben. Momentan ist es ja etwas ruhiger, keine Katastrophen, keine Dramen, nix. Nur Sommerhitze. Da ist mir heute diese kleine Geschichte eingefallen:

Ich komme müde von der Arbeit nach Hause. Als ich die Tür öffne flüchtet eine rattengroße Staubfluse unter das Bett. Ich denke: „Uh… da müsstest Du wohl doch unbedingt mal wieder grob durch putzen…“ Ich denke nach. Versetze mich in die Situation der Staubratte. Die denkt sich wahrscheinlich: „NEIN! Lass mich bitte in meinem natürlichen Lebensraum weiterexistieren! Hm. Naja. Es ist ja schon so spät. Also Putzen heute gestrichen. Füße hochlegen, Schlepptop an und ab aufs Sofa.
Beim Putzen und mir ist das ja so: Wenn ich gestresst bin neige ich zu wahren Putzorgien. Meditatives Putzen nennt man das. Physisches Reinigen und dadurch psychisches Reinigen. Da bin ich dann rigoros und gründlich. Aber momentan geht es meinem Seelenleben eigentlich ganz gut, also keine Putzorgien. Schwierig finde ich es im normalen Gemütszustand den Staubwedel zu schwinden. Wobei ich habe gar keinen Staubwedel. Die sind immer so staubig. Irgendwann merke ich dann aber doch: Putzen wäre doch mal angebracht. Staubratten-Schutz hin oder her.

Ich raffe mich auf. Fangen wir mit dem Boden an. Die Staubratten zittern, als ich den Staubsauger anschleppe. Andererseits macht es ja keinen Sinn den Boden sauber zu haben und dann erst abzustauben oder sonst was zu putzen. Fällt ja wieder Dreck auf den Boden. Ich schaue aus dem Fenster. Dabei fällt mir auf, dass man noch den Regen vom Frühjahr dort erkennen kann. Sonst fast nix mehr. Also erst mal Fenster putzen. Die Blumen müssen vom Fenstersims. Dabei fällt mir auf, ist ja gar kein Platz mehr für die Wurzeln in den Töpfen. Die armen Pflanzen. Hm.

Ich packe eine eingekerkerte Pflanze, schleppe sie in den Garten und topfe um. Dabei fällt mein Blick auf den Kräutergarten. Pfefferminze! Oh! So ein frisch gebrühter Pfefferminztee wäre jetzt toll. Ich sammle Minze und gehe zum Wasserkocher. Ups. Der gehört auch mal entkalkt. Erst mal Wasser kochen. Man soll ja viel Trinken. Minztee ist gebrüht. Der Wasserkocher bekommt eine Essigfüllung. Läuft ja mit dem Putzen. Darum mache ich erst mal Pause. Wenn wir schon mal dabei sind, die Sofakissen könnten auch mal eine Erfrischung gebrauchen. Ich schlürfe Tee, blättere in ein paar Zeitschriften. Dort zeigen sie Bilder von toll aufgeräumten Kleiderschränken. Wenn man die Klamotten nach Farbe sortiert sieht das ja schon toll aus. Und man findet alles so schön.

Ich beschließe spontan dem Kleiderschrank eine Erneuerung zu gönnen. Ich reiße ihn auf und verharre regungslos. Warum ist da eigentlich so viel drin? Warum finde ich nie was zum Anziehen, aber das Ding ist proppenvoll? Komisch. Vielleicht wäre es sinnvoll erst mal Sachen auszusortieren. Ich mache Häufchen am Boden. In dieses knappe T-Shirt komme ich eh nicht mehr rein. Und diese Hose da … wann hatte ich die das letzte Mal an? Die Hose hat übrigens ein dezentes Schlangenmuster und unten Schlag. Die mochte ich immer gerne. War aber schwierig zu Kombinieren. Hm. War das damals 1994, auf diesem Konzert, als das alles etwas eskaliert ist … wo … ähm …? Egal. Ich versuche mich reinzuquetschen. Es funktioniert nicht. So ein Mist. Diät wäre auch mal wieder angesagt.

Dabei fällt mir der Küchenschrank ein, in dem ich auch die Naschsachen bunkere. Der wird jetzt aufgeräumt und entschlankt. Irgendwo muss man ja anfangen. Ich verteile das Geschirr großzügig im Raum. Man, da ist ja auch Staub dran. Wie kommt der Staub in den Schrank? Die letzten großen Rätsel der Menschheit. Meine Tassensammlung könnte auch mal reduziert werden. Aber die Tassen erinnern mich an schöne Gelegenheiten, oder an die Menschen, die sie mir geschenkt haben. Ich schwelge in Erinnerungen.

Der Tee schlägt an. Ich muss Pipi. Puh…. das Klo könnte auch mal geputzt werden. Ich schaue mich im Bad um. Mensch, DAS muss dringend mal dran kommen. Ich putze das Klo, scheuere die Dusche und das Waschbecken. Weil ich schon mal dabei bin versuche ich mich am dezenten Schimmel, der sich an den Fugen des Waschbeckens bildet. Wusstet Ihr, dass es da so einen Putzschwamm aus irgend einem wahrscheinlich giftigen Plastik gibt, den man nur nass machen muss und der ganz ohne Putzmittel alles sauber kriegt und sich dabei aber auflöst? Ich bin begeistert von dem Ding, habe aber auch etwas Angst davor. Ich scheuere Stellen damit, die schon lange kein Tageslicht mehr gesehen haben. Wow. Dann packt mich der Rappel. Ich verteile die Baduttensilien im Raum. Die Schränke gehören ausgewischt. Es ist der totale Wahnsinn.

Während es trocknet gehe ich am Bett vorbei. Da ist noch die dicke Biberbettwäsche mit den Weihnachtsmotiven drauf. Und das im August. Kann es sein, dass ich mal wieder die Bettbezüge wechseln müsste? Verdammt. Ich schleppe alles zur Waschmaschine. Das dauert jetzt. Aber frisch bezogenes Bett in Kombination mit frischem Schlafanzug ist das Größte überhaupt. Das brauche ich heute Abend. Und dann schön reinkuscheln und was lesen. Herrlich!

Mein Bauch knurrt. Hunger. Ok. Ich war ja schon fleißig. Essen wir was. Ich mache mir einen Salat – die Diät muss ja mal angefangen werden. Dazu gibt es Pizza. Als Nachtisch Eisschokolade. Hm. So gesund. Ich fühle mich dann doch irgendwie vollgefressen. Es heißt ja, nach dem Essen sollst Du ruhen, oder 1000 Schritte tuen. Ich überlege kurz. Schleppe mich zum Sofa. Ach, es wird schon noch eine Folge meiner momentan geguckten Serie drin sein, dann mache ich weiter mit dem Putzen.

Die Folge endet natürlich mit einem üblen Cliffhänger. Verdammt. Ich muss weiterschauen! Ich will jetzt wissen, wie das ausgeht. Ungefähr fünf Folgen später ist die Staffel zu Ende geguckt. Ich bin zufrieden. Jetzt ist ja auch schon so spät. Da kann ich ja gemütlich ins Bett gehen.

Ich sehe auf. Das Grauen erfasst mich. Staubsauger, Blumen, Geschirr, Klamotten, Schrankinhalt, dazwischen Tassen und Blumenerde. Alles am Boden verteilt. Das Bettzeug noch in der Waschmaschine, das mit dem Trockner hab ich total vergessen. Im Bad Chaos pur. Eingetrocknete Stückchen dies Wunderschwammes glänzen romantisch im Funzellicht der Sparbirne. Ich seufze. Das hat man davon, wenn man sich vornimmt mal zu Putzen. Alles sieht hinterher noch viel Schlimmer aus. Ich darf mich einfach nicht so ablenken lassen!

Ich schnappe mir eine Decke und schlafe in meinen Putzklamotten auf der Couch ein. Muss ich morgen wohl noch mal ran. Mann, das wird wieder ein Tag, an dem mich auf der Arbeit alle fragen: Was ist denn mit Dir los? Harte Nacht oder was? Wenn die wüssten …. wenigstens die Staubratten unterm Bett freuen sich, dass sie noch ein bisschen Schonfrist haben.

By-By-Schu-Schu-ki?

23. Juli 2016:

Die Schu-Schu-ki-Saga geht in die dritte Runde. Lustig ist, dass ich in letzter Zeit immer mal wieder anfeuernde Mitteilungen bekommen habe, wenn wir im Schu-Schu-ki auf der Straße gesichtet wurden – das hat Spaß gemacht! Aber jetzt genießt erst mal den dritten Teil des Dramas:

 

Der Schu-Schu-ki und ich haben Frieden geschlossen. Nach dem letzten Werkstattbesuch war meine Auto-Welt wieder in Ordnung. Die Werkstatt hat einen erklärbaren Grund für den ganzen Ruß gefunden und dieser wurde behoben. Wir reden übrigens von einem fünf cm langem Riss im Turbo-Zulade-Dingens-Schlauch, wohl nicht sofort sichtbar. Kann ja mal sein, das so was über einen längeren Zeitraum den Rußpartikelfilter zum kompletten Verschluss und zum Bilden von stalagmitenartigen, hübsch anzuschauenden Formationen um den Filter herum bringt und nebenbei Prüfsonden zum kompletten verschmoren. Was weiß ich schon, ich bin ja nur eine blonde Frau in der Welt des Werkstatt-Slang. Da ist man froh, wenn man den Kern des Problems überhaupt umreißen kann.

Seitdem gibt der Schu-Schu-ki keine komischen Geräusche mehr von sich und vor allem kein reduzieren der Motor-Leistung aus heiterem Himmel. Und auch nicht dieses orangene Warnlämpchen, welches eigentlich aussieht, wie ein hämisch grinsendes Gesicht, in das man sofort ganz feste hineinschlagen möchte. Frieden.
Nach ausführlicher „Probefahrt“ – 200 km Autobahn just vor fun aber trotzdem nervenzerreißend – war ich so weit dem Schu-Schu-ki wieder einen vollen Pferdehänger anzuvertrauen. Die dringend anstehenden Hängerfahrten hat der Schu-Schu-ki auch bravourös gemeistert. Ebenfalls diese unmenschlichen Temperaturen mit 37° in Hünfeld. Alles Super. Frieden. Ich begann mich zu entspannen.

Komplett entspannt bin ich also letzten Samstag zur Arbeit gefahren. Ich stehe an der Ampel und in meinem Blickfeld geht ein oranges Licht auf. Es grinst mich an. Es verhöhnt mich regelrecht. Ich starre auf meine Anzeige. Blinzle. Schaue nach oben. Blinzle noch einmal. Schaue zurück. Es ist immer noch da. Diese fröhliche Fehleranzeige. Ich Blinzle. Starre nach draußen. Das kann doch nicht sein. Kurzfristig überlege ich, ob ich nicht Gas geben soll und den Schu-Schu-ki einfach gegen die Ampel knallen soll, damit Ruhe ist. Entscheide mich aber zu Blinzeln und die Übelkeit in meinem Bauch zu ignorieren. Ich bin dann erst mal weiter zur Arbeit gefahren. So zusätzliches Geld kann ich wohl jetzt grade gut gebrauchen.

Um mich nicht lange mit Montagmorgenverkehr, Telefonaten mit Werkstatt-Angestellten oder mürrischen Meistern aufzuhalten, stellte ich das reduziert laufende Auto-Monster Sonntags einfach mahnend vor der Werkstatttür ab. Schluss mit Lustig. Es folgten Tage des Hoffen und Bangen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer in mir wollte einfach glauben: „Da ist bestimmt nur ein Marderschaden drin. Das wäre doch toll.“ Doch tief in meinem Kopf wusste ich wohl: „Der Karre kannst Du nie wieder vertrauen“. Was passiert, wenn ich wieder mit Pferdehänger unterwegs bin und das grinsende Licht leuchtet auf und reduziert den Motor? Will mich dieses Auto langsam zermürben? Nie wieder stressfreies Wegfahren? Nie wieder Kasseler Berge im strömenden Regen? Immer schauen, wo ist die nächste Werkstatt (auch wenn die sowieso nichts machen können)? Auf Deutsch: Das Vertrauen war weg. Komplett. Es ist in sich zusammengefallen wie ein Kartenspielhaus beim Hauch der Andeutung einer Zugluft.

Meine beiden Werkstätten telefonierten hin und her, es wurden sogar die Hersteller der Ersatzteile mit einbezogen. Ich verfolgte das Ganze mit einer gewissen gedämpften Stimmung. Ich möchte sogar sagen Hoffnungslosigkeit. Tief im Innern ahnte ich wohl: ich besitze ein graues Auto, mit dem ich nicht mehr das anfangen kann, was ich brauche. Also auf Deutsch: Ich bin aufgeschmissen.

Die Bestätigung kam Mittwoch. Es wurde mir die Nachricht überbracht: „Er läuft wieder!“ Kurzfristig war ich glücklich. Aber keine Bange, das dauerte ungefähr 5 Millisekunden an und hat sich sofort wieder komplett verflüchtigt, als der Mann mit dem nächsten Satz begann: „Ich musste letztendlich gar nichts machen. Da ist ein zweites Lämpchen angegangen und dann beim Fahren und blablabla … kurz und gut: Es kommt und geht wann es lustig ist“. Ich musste hart lachen. Dieses Jahr will mich echt verarschen. Eigentlich Respekt an den Schu-Schu-ki. Er hat es geschafft zwei Werkstätten komplett zu verarschen. Drama-Queen passt da echt gut. Er sollte als Mahnmal auf ein Podest gestellt werden und jungen Automechaniker-Lehrlingen die Furcht lehren. Sehet, da ist ein Mahnmal – Technikfehler in der Selbstschleife. Es wird halt nichts mehr für die Ewigkeit gebaut.

Was soll ich sagen. Es muss ein neues Zugfahrzeug her. Nach schlaflosen Nächten, in denen ich einen teuflischen Bankraubplan ersann und nebenbei noch nach geeigneten Ersatzkandidaten zum Thema Zugmaschine googelte, war ich geläutert. Der Schu-Schu-ki und ich gehen ab sofort getrennte Wege. Mein Unvernunftsgen machte sich kurz bemerkbar, als ich einen Termin zur Probefahrt mit dem nagelneuen Fiat Fullback vereinbarte. Ein schwarzer diesel-schnurrender, kraftprotzender, feuchter Pickup-Traum, der total unvernünftig gewesen wäre, aber dafür echt was fürs Ego. Vorsichtshalber habe ich die anderen Pickup-Kandidaten nicht mehr angetestet und mich für tatsächlich in Frage kommende Autos interessiert. So welche, mit denen man auch noch in Parkhäuser rein kommt, ohne das Parkaus niederzuwalzen. Also weniger lang und weniger teuer. Auch in der Steuer. Sorry, dieser Reim musste jetzt sein.

Donnerstag: per Zufall in Form von Johannes entdecke ich, dass es in meiner Heimatstadt einen Ford Händler gibt. Es ist doch immer gut, wenn man sich zu Hause gut auskennt. Ich fahre spontan nach der Arbeit hin um mich über den Kuga zu informieren. Der darf nämlich noch einen Pferdehänger ziehen. Nur zur Information, selbst wenn ich mein Herz an Suzuki verloren hätte, hätte ich Pech gehabt. Das Nachfolgemodel vom Grand Vitara darf nämlich nur noch 1700-1800 kg ziehen. Damit ist es raus. Unter anderem. Der Werkstattmann besteht drauf, dass ich den Kuga über Nacht mit zum Probefahren nehme. Gerissener alter Fuchs. Der Schu-Schu-ki bleibt alleine auf dem Parkplatz stehen. Und es tut mir nicht leid.

Freitag: Der gerissene Fuchs hat recht gehabt. Man gewöhnt sich sehr schnell an einen Automatik. Das Auto hat alles, was ich brauche. Frauen legen da ja Wert auf Sitzheizung (ja auch bei 32°C im Schatten), Becherhalter und Anhängerkupplung. Technikkram und Extragedöns sind für uns nur unwesentliche Zugaben. Ich kaufe das Auto. Dank des Banküberfalles bin ich ja gerade flüssig. Der Schu-Schu-ki begleitet mich jetzt noch ein paar Tage, bis das neue Auto fertig ist. Ich habe still einen Status-Quo mit ihm ausgehandelt. Er leuchtet nicht und ich ziehe keinen Pferdehänger. Hoffentlich funktioniert es. Und wisst Ihr was? Das neue Auto wird wieder einen richtigen Namen bekommen. Ich nenne ihn einfach „Harrison“.*

* Entschuldigt bitte auch diesen flachen Witz. Aber ich glaube, der ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Ich werde dann mal weiter berichten, was ich mit der Technik in „Harrison“ so alles erlebe.

Auf den Hund gekommen - Foto: privat
Statt auf einen grünen Zweig auf den Hund gekommen … der Schu-Schu-ki und ich – Foto: privat

Blöder Schu-Schu-ki!?

15. Juni 2016:

Ein weiterer Teil der Auto-Story … lehnt Euch zurück, genießt das Leid und lacht Euch scheckig:

 

Der Schu-Schu-ki streikt immer noch. Seit der Düsseldorf-Reise verbringt dieses Auto mehr Zeit in der Werkstatt oder mit faul herum stehen als es mir gut tut. Der Elektronikfehler ist ziemlich hartnäckig. Das neu eingebaute Teil und die dazugehörigen Sonden will der Schu-Schu-ki einfach nicht als neu erkennen. Er beharrt auf seinen Elektronikfehler. Sturer Bock. Zwischendurch täuscht er immer wieder freies Fahren an und wenn ich mich freue: Zack – Elektronikfehler. Motorleistung reduziert.

Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, dieses Auto verarscht mich gnadenlos. Wenn ich eine Waffe besitzen würde, hätte der Suzuki schon längst im Affekt ein ganzes Magazin in die Motorhaube geballert bekommen. Für die Bearbeitung mit einer Axt bin ich zu schwach. Ich krieg die Axt nicht so weit angehoben. Diese Option fällt also aus. Abbrennen wäre auch eine Möglichkeit gewesen, aber der Rußgeruch geht immer so schlecht aus den Haaren heraus. Fällt also auch flach. Eine Motorsäge wäre auch eine Option, wirkt aber nur cool, wenn man die selber anmachen kann und dann brutal funkensprühend rein rammt. Ich scheitere bereits am Anzugmechanismus der Motorsäge. Also lassen wir das. Einen Bohrer kann ich anmachen. Wirkt aber nicht so brutal, wenn ich die Motorhaube mit dem Bohrer bearbeite. Hinterlässt auch keine großen Wunden. Also bleibt mir immer nur der Anruf bei meinem Automechaniker des Vertrauens.

Telefongespräche mit meiner Heimat-Werkstatt laufen inzwischen so ab:
„Hallo, ich bin’s, die Christine.“
Ein zögerliches „Hallo“ (Man hört in Gedanken:…. oh, nein! … Du schon wieder…)
Ich so: „Rate mal“
Er so: „Ne, oder?“
Ich so: „Doch.“
Er seufzend: „Komm vorbei.“
Nachdem der Elektronikfehler also meine Werkstatt komplett vom Arbeiten an anderen Autos abhält, war der Vorschlag die Drama-Queen einer anderen Werkstatt unterzujubeln. Kurzfristig erwog auch mein Werkstattmann den Feuertod des Suzuki kunstvoll und versicherungstechnisch sicher zu inszenieren, aber wir einigten uns dann doch auf Version zwei. Einer anderen Werkstatt unterjubeln. Dazu muss die Karre aber 30 km selbständig hin gefahren werden. Ich habe mich geopfert.

Nach eine brutal anstrengenden Fahrt (hoffentlich auch für die Drama-Queen) mehrere steile Straßen hinauf mit reduzierter Motorleistung, mehreren Bremsungen, die absolut nicht nötig waren. Danke ihr Busfahrer. Danke ihr Hausfrauen. Danke an alle Vollpfosten auf diesen Straßen. Danke Oma mit dem Gehfrei am Zebrastreifen. Wartet der Schu-schu-ki jetzt in einer zweiten Werkstatt auf Hilfe. Schauen wir mal, ob sich diese Werkstatt als Fachwerkstatt für eingebildete Fehler herausstellt, oder ob der Schu-Schu-ki diese Werkstatt auch in die Verzweiflung und Ratlosigkeit treibt. Jedenfalls habe ich ihn dort einfach mahnend abgestellt. Ungeputzt natürlich. Er soll sich ja nicht positiv ins Autohausgefüge einpassen. Falls sie zwischendurch Zeit finden vor dem eigentlichen Termin. Was sie hoffentlich tun werden. Der Schu-Schu-ki braucht die komplette Aufmerksamkeit einer Werkstatt. Sonst ist er nicht zufrieden. Und mit „Snickers“ braucht man der Diva (und mir) auch nicht kommen. Da sind sich der Schu-Schu-ki und ich wenigstens einig.  *

Ich nehme übrigens gerne Wetten an, ob der Suzuki bis zum Paso-Fino-Turnier am 24.06. wieder zugbereit ist oder nicht. Eigentlich habe ich schon jede Hoffnung verloren. Aber ich bin Meister der Verdrängung und verdränge das Problem: „Neues Auto??? Woher nehmen, wenn nicht stehlen?“ gekonnt. Die Lottozahlen haben übrigens schon mal nicht gepasst. Allerdings kann ich das Problem: „Wie komme ich zur Arbeit?“ nicht wirklich verdrängen. Kohle muss her – und Arbeitszeit muss eingefahren werden. Irgendwie ist in den letzen Wochen zu viel arbeitsablenkendes passiert in meinem Leben. Da schwirrt eine große Rußwolke um meine Regel-Arbeitszeit. Also brauche ich ein Auto, um in den Ort, der mich allmählich in den Wahnsinn treibt, aber dafür auch ernährt, aufsuchen zu können.

Eine Freundin ist so nett und leiht mir ihren Polo. Sie darf momentan zu Hause bleiben und den Sommer genießen. Der Polo ist ungefähr so groß wie eine Schuhschachtel. Er fährt zwar erstaunlich gut, aber er ist auch erstaunlich fragil und ich traue ihm eigentlich noch weniger wie dem Schu-Schu-ki. Aber er bringt mich zur Arbeit und zurück. Das Wort Sicher habe ich jetzt übrigens bewusst weggelassen.

Allerdings merke ich doch deutlich, dass ich in den Jahrzehnten des Monster-Auto-Fahrens einen Fahrstil entwickelt habe, der eher in die Richtung Großwild-Kamikaze geht. Das ist nicht so vorteilhaft, wenn man in einem rollenden schwarzen Pappkarton knapp über der Straße sitzt. Es ist wirklich keine gute Idee einfach so volle Lotte in eine Kreuzung zu brettern, nur weil man nicht rausgelassen wird. Mit meinen vorherigen Knochenbrecher-Auto war das irgendwie ziemlich bedrohend für andere Verkehrsteilnehmer und bewirkte immer einen flüssigen, zeitnahen Vollstopp beim KFZ-Gegner. Mit dem Polo wirkt das Ganze irgendwie wie eine Fliege, die halb sichtbar im toten Winkel vor der Nase vorbei fliegt und dann doch irgend wo gegen klatscht. Sagen wir so: ich lebe noch. Und ich entwickle gerade ein neues Verständnis für kleine Autos.
Man muss bei kleinen Autos auch unbedingt auf die Bodenbeschaffenheit der Straße achten. Da ist nichts mit mal eben 50 km/h über den hohen Bordstein oder diese lustigen Bremshügeln in den 30-er Zonen knattern, über die man so schön fliegt. Auch die „Boah, dann fahr ich halt durch den Acker“ – Freuden bleiben einem verwehrt. Nein, da muss man schon gründlich überlegen, ob man es sich leisten möchte ein zweites Auto zu schrotten.

Eigentlich möchte ich damit nur sagen: ich vermisse den Schu-Schu-ki. Das werde ich vor der grauen SUV-Diva zwar nie zugeben, aber mir fehlt das wohlige Dieseln, das übersichtliche Panorama, die Sicherheit, die es trotz allem verbreitet. Wie schön war es doch, als wir damals im Frühjahr 2015 durch diesen unglaublich tiefen, wunderbar zerstörten Matsch-Acker gepflügt sind. Ich war so stolz auf ihn, dass er da mit solch einer Leichtigkeit durch ist. Noch Monate später tauchten die Matschspritzer im Fahrzeuginneren auf, nur weil ich mit offenem Fenster gefahren bin. Oder im Herbst des Jahres 2014, als wir auf einer Bodenwelle aufgesessen sind, weil ich es für eine gute Idee gehalten hatte, die Wendung so scharf zu nehmen. Oder in Kreiswald, als wir den Pferdehänger so brutal schräg-bergauf parken mussten, dass die Kupplung noch tagelang gestunken hat wie blöd. Hach ja, das waren noch Zeiten. Da hat er nix mit Elektronikfehler gebracht. Blöder Schu-Schu-ki – komm bitte wieder zurück!

 

 

*Wenn, dann lassen wir uns mit Ritter Sport ködern!

Die Auto-Diva?

12. Juni 2016:

Heute möchte ich Euch mental entführen: stellt Euch vor Ihr sitzt in einer Poetry-Slam-Lesung. Eine zierliche junge Frau betritt die Bühne. Sie hat eine staubige Reithose an und stinkt nach Ruß und Pferd. Das können aber nur die ersten drei Reihen riechen. Es wirkt ziemlich authentisch. Sie setzt sich, seufzt laut und beginnt ihren Vortrag:

 

Die Auto-Diva
Ich fahre seit fast 10 Jahren einen Suzuki. Einen S(port)U(tility)V(ehicle) wie man fachmännisch sagt. Ich brauche ihn, um mein kümmerliches Selbstbewusstsein aufzumotzen und mindestens zwei Pferde hinter mir her zu ziehen. Ja, auch Frauen protzen gerne mit großen Autos. Gut im Falle des Suzuki ist es eher ein Möchtegern-Protzen. Es ist ein kümmerlicher Versuch – eigentlich schon fast traurig.

Der Suzuki sieht nämlich eher aus wie ein gediegenes Familienauto. Nicht unbedingt Protz-Tauglich. Aber man sitzt so schön hoch. Und man wird als Bedrohung im Straßenverkehr wahrgenommen, wenn man mit 50 km/h auf eine befahrene Kreuzung brettert. Das langt mir dann schon. Jedenfalls haben der Suzuki und ich schon über 200.000 km zusammen auf diversen Straßen, Schotterwegen, Feldern und bei allen möglichen Wettern und Gelegenheiten verbracht. Wir haben uns aneinander gewöhnt.
Das sieht man auch. Gleich am Anfang, als er noch neu und monströs groß in der Auffahrt stand ist mein Vater erst einmal deftig in die Fahrerseite gefahren. Begründung: „Kind, das Auto habe ich nicht gesehen“. Ne, is klar. So ein graues monströses Ungetüm kann man gerne mal übersehen, vor allem, wenn es an der Stelle steht, an der es immer steht es taghell draußen ist und die Metalliclackierung funkelt, weil sie noch schön sauber ist. Alles gut Papa. Seitdem fahren wir mit einer deftigen Delle herum. Es kamen in den Jahren noch weitere Schrammen und Dellen dazu. Ich muss meinem Vater zu Gute halten, dass sie nicht mehr von ihm stammen. Das hoffe ich zumindest.
Das Auto lebt. Innen und Außen. Es ist ein Reiterauto. Man kann ohne schlechtes Gewissen und vorbeugender Notfallmedikation auch keine Allergiker mehr darin mitnehmen. Es ist komplett kontaminiert. Ganze Generationen von Fellwechselhaaren wohnen dort. Als Reiter und Pferdebesitzer kann man sein Auto nicht wirklich sauber halten. Ihr Hundebesitzer wisst, wovon ich rede. Da riecht es bei Regen auch nach nassem Hund im Auto – egal ob der Hund schon fünf Jahre tot ist oder tatsächlich hinten im Auto sitzt. So ein Auto bleibt bis es stirbt oder man einen Blöden findet, der es übernimmt.
Jedenfalls hat der Suzuki beschlossen mein Leben etwas aufzumischen indem er einen dauerhaften Elektronikfehler produziert. Eigentlich hat er ja, zugegebener Maßen nachvollziehbar und gerechtfertigt, erst gestreikt, nachdem der Dieselrußpartikelfilter voll war. Das nennt man Verschleiß bei über 200.000 km. Damit kann ich Leben. Gut, er hätte das nicht unbedingt mit zwei Pferden hinten dran während einer 400 km Fahrt von Düsseldorf nach Hause tun sollen. Dieses Auto mutiert inzwischen zur Drama-Queen.
Filmreif hat er mich und Yvi kurz nach Düsseldorf mit einem hämisch gelben Leuchten der „Einspritzpumpenlampe“ und dem Reduzieren der Motorleistung in den Wahnsinn getrieben. Es ist nicht lustig, wenn man durch das Siebenbergeland und den Taunus mit zwei Pferden hinten dran im dritten Gang auf Vollgas gurkt, um überhaupt 40 km/h halten zu können. Das macht Spaß. Nicht. Und zermürbt einen über die Kilometer erfolgreich.
Der Psychoterror erreicht seinen Höhepunkt als eine zweite gelbe Warnlampe mit der Bezeichnung „Motor“ anging. Yvi liest in der Bedienungsanleitung, die sich tatsächlich noch im Auto befindet, nach: „Solange sie nicht rot blinkt ist alles gut.“ „Hmhm“ … meine Nerven sind am Ende. Ich möchte mich eigentlich nur noch in eine Ecke setzen und leise wimmernd vor und zurück schaukeln. Wir klammern uns an diese Aussage: Die Lampen könnten also auch rot leuchten. Das wäre ganz schlecht. Und ziehen es weiter durch.

Doch die Drama-Queen – im Folgenden nur noch Schu-Schu-ki genannt – zieht alle Register. Die langen Dauerbaustellen um Würzburg kommen in Sicht. Für die Einen bedeutet es Heimat, für die Anderen: Hoffentlich bleibt die Scheißkarre nicht mitten in der Baustelle stehen.
Der Schu-Schu-ki macht es spannend. Auf der Brücke, am Hang, kurz vor der Raststätte Würzburg (die ja übrigens als Feng-Schui-Raststätte ausgezeichnet ist … das nur so am Rande) lässt das Auto eine monströse schwarze Rußwolke fahren und alles stinkt so dermaßen, dass wir glauben: „Scheiße, die Karre hat Feuer gefangen.“ Mit letzter Kraft quälen wir uns den Berg rauf und rein in die rettende Raststätte. Vor dem obligatorischen Burger King ist noch ein Parkplatz frei.

Ich mache das Auto aus und sage: „Das war’s ich fahr da heute nicht mehr weg!“ Ich bin mit den Nerven komplett am Ende. Der Schu-Schu-ki hat mich erfolgreich zermürbt – mit zwei Pferden hinten drin. Die waren übrigens super brav. Dösende Vollprofis on Tour. Das Auto hat übrigens dann doch nicht gebrannt.
Wir telefonieren und der Schwager kommt uns retten. Beim Umhängen des Pferdetransporters laden wir erst einmal die Ponys ab. Diosa nutzt die Gelegenheit und strullert erst einmal herzhaft vor den Burger King. Wir tun so, als ob wir nichts gesehen haben. Das Pony ist peinlich. Also schnell wieder rein in den Hänger und komplett entspannt lassen wir uns endlich nach Hause fahren. Ich trinke ein Bier und falle in tiefen komatösen Schlaf. Übrigens, möchte jemand einen kaum gebrauchten, gut erhaltenen Suzuki kaufen?

*Applaus*

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