Del Cavador

True Crime?

23. August 2021:

Idyllische Weinberge – Foto: privat

Endlich sind Julia und ich wieder einmal lange mit den Ponys unterwegs. Es ist sonnig, die Hufeisen klappern, wir sind auf dem mittleren Weg eines Weinbergs entlang unseres schönen Hausberges –  genießen die Ruhe und die Aussicht. Die Touristensaison ist im vollen Gange, uns sind schon einige Autos und Wanderer in den Weinbergen begegnet. Sehr nervig. Stört die Idylle. 

Ich höre, wie wieder ein Geräusch von hinten kommt und lenke Drachi – die heute komische selbstzerstörerische Tendenzen entwickelt und zwar in Form von nach unten in die steilen Weinberge stürzen – vorsichtshalber an die Hang-Aufwärts-Seite und mache Platz. Julia reitet vor mir. 

Ein weißer Lieferwagen schiebt sich langsam seitlich in mein Gesichtsfeld. Sehr langsam. Drin sitzt ein Typ mittleren Alters. Ich denke: „Mann …. fahr halt schon vorbei ….“ Das Fenster geht auf. Er fährt neben mir und fragt: „Kennen Sie sich hier aus?“ 

Ich denke „Naja, anscheinend komme ich von hier, wenn ich hier mit dem Pferd reite ….“ und verdrehe innerlich die Augen, leicht genervt von der Störung. Das Drachi schlappt vor sich hin, als ob es komplett normal wäre, neben einem weißen Lieferwagen her zu laufen. Ich sage zögernd „Ja?“ 

„Darf ich Ihnen mal was auf der Karte zeigen?“ 

Ich gucke ihn an, wir reiten ein paar Meter nebeneinander, ich nicke wie in Trance. 

Derweil gehen in meinem Innersten sämtliche Warnglocken an. Wie beim Auto, die Motor-Kaputt-Anzeige. Ein hektisches rotes Warn-Licht blinkt bildlich in meinem Gehirn vor sich hin.

Er steigt aus, kommt mir relativ nahe, das Drachi will kurz sein Handy essen. Vielleicht bettelt es etwas zu sehr momentan. Erziehung kann ich…. Er zeigt mir die Karte. Er wolle heute Nachmittag hier eine Segway-Tour veranstalten und schon mal die Gegend abfahren. Ich nicke, kann mich aber nicht konzentrieren, weil meine inneren Warnleuchten immer noch vor sich hin blinken.  

Nach einem Blick auf die Karte erkenne ich: „Junge, kannst Du nicht zählen?“ Sage das aber  nicht laut. Wir sind natürlich nicht auf der Route, die er sich markiert hat, sondern genau auf dem Weg dazwischen. Was ich schon ziemlich seltsam finde, weil genau diese Strecke seiner Route orientierungstechnisch die Einfachste ist. Ich erkläre ihm wo wir sind, in meinem Gehirn rotiert immer noch die Warnleuchte. 

Hat mir meine Mutter nicht als Kind schon immer eingeschärft: „Kind, steig niemals zu fremden Leuten in ein Auto! – Und sprich nicht mit fremden Leuten! Die nehmen dich sonst mit und es passiert Dir etwas ganz Schreckliches!“ 

Diese Sätze zusammen mit einem sehr prägnanten Erlebnis in meiner Jugend haben für sehr viel Respekt vor fremden Menschen (besonders Männern gegenüber) gesorgt. Vielleicht ist meine ausgeprägte Skepsis und mein tendenziell abwartendes Verhalten fremden Menschen gegenüber auch da her geschuldet. Das könnte nur ein Psychologe lösen, aber für den habe ich keine Zeit, ich habe mindestens drei Ponys. Und eine Arbeit, die mich zusätzlich systematisch in den Wahnsinn treibt.

Vielleicht ist mein teilweise exzessiver Konsum von True Crime Podcasts und die Bilder vom Autopsie-Tisch des Dr. Tsokos auch nicht unbedingt förderlich. Jedenfalls sieht man nach einer Ladung True Crime-Geschichten erst mal in jedem Fremden und in jeder komischen Situation einen Serienmörder, der auf der Suche nach dem nächsten Opfer ist. Auch nicht förderlich für ein gesundes Sozialleben, aber was soll’s – es gruselt so schön beim Zuhören! 

Jedenfalls bin ich durch meine inneren Dämonen ordentlich abgelenkt von dem Gespräch. Ein fremder Mann, mit eventuell fadenscheinigen Fragen und einem unauffällig weißen Lieferwagen steht vor mir. Ich linse nach hinten, ob der Wagen Fenster hat oder zu ist. Er hat durchsichtige Fenster. Ein bisschen Aufatmen. 

Wisst Ihr noch, wie im Schweigen der Lämmer der Serienmörder Buffalo Bill seine Opfer „einfängt“? Genau. Er hat einen weißen Lieferwagen und bittet um Hilfe. Die Opfer werden dann in eine Grube geschmissen und müssen ihre Haut mit Lotion pflegen, um dann dahin gemetzelt zu werden, damit Buffalo Bill die Haut für einen selbst geschneiderten Mantel aus Menschenhaut „ernten“ kann. Der Satz „Reib es sich mit Lotion ein!“ stammt aus diesem Film. Ein auf psychologischer Ebene sehr beängstigender Film, der mit mehreren Dingen spielt vor denen ich Angst habe. Fehlen nur noch Spinnen. 

Ernsthaft, wäre ich alleine ohne Pferde und Julia unterwegs gewesen, wäre ich gerannt. Ich hätte mich definitiv nicht mit dem Mann unterhalten. 

Aber so war Julia dabei und die Ponys. Der Mann fährt weiter. Anscheinend haben meine Erklärungen ihn zufrieden gestellt. Ich linse noch auf das Autokennzeichen, tatsächlich nicht von hier. Im Fahrzeuginneren kann ich tatsächlich Segways erkennen. Frage mich noch kurz, warum er ausgerechnet hier eine Segway-Tour plant und erzähle dann Julia von meinen Weißen-Lieferwagen-Männer-Phobien. 

Wir albern herum, die Sonne scheint und wir beschließen uns höchstens in weißen Lieferwägen von kleinen, süßen Babykatzen „foltern“ zu lassen. Die fallen dann schnurrend und mit Milchtritt auf einen ein und treiben einen mit Süß sein in den Wahnsinn. 

Also Mama, zu Deiner Beruhigung: ich bin heute nicht zu dem Fremden Mann ins Auto gestiegen, weil ich auf Dich gehört habe! 

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